Rente aus dem Depot: 5 Entnahmestrategien im Check
Jeden Monat 2.000 Euro auf dem Konto – ohne einen Finger krumm zu machen. Was für einen 25-jährigen Krypto-Enthusiasten der ultimative Traum vom Aussteigen ist, ist für jemanden mit 65 Jahren überlebensnotwendig. Die Frage ist nur: Wie schafft man es, sich diesen monatlichen Geldfluss zu sichern, ohne dass das Depot nach fünf Jahren leer ist?
Die meisten verlassen sich blind auf die Dividendenstrategie. Aber ich sage dir heute klar: Nur von Ausschüttungen zu leben ist für die meisten eine gefährliche mathematische Illusion. Lass uns einen Realitätscheck machen – am Beispiel eines 800.000-Euro-Depots und fünf konkreten Strategien.
Strategie Nr. 1
Die 4-Prozent-Regel: Klingt einfach, ist brandgefährlich
Die erste und bekannteste Strategie ist die klassische 4-Prozent-Regel. Du schaust auf dein Depotvolumen, rechnest 4 Prozent heraus und entnimmst diesen Betrag jedes Jahr – weil du davon ausgehst, dass dein Portfolio etwa diese Rendite erwirtschaftet. Klingt logisch. Ist aber ein fataler Fehler – und das gleich aus drei Gründen.
Die Steuern: Jede Entnahme ist steuerpflichtig. 25 Prozent Abgeltungssteuer plus Solidaritätszuschlag – das frisst einen erheblichen Teil deiner geplanten Entnahme auf.
Die Inflation: Deine Entnahme müsste faktisch jedes Jahr steigen, um die Kaufkraft zu erhalten. Was heute 2.000 Euro wert ist, sind in 20 Jahren bei nur 2 Prozent Inflation noch knapp 1.350 Euro an echter Kaufkraft. Rechnest du das über 20 oder 30 Jahre durch, wird schnell klar: Die 4-Prozent-Regel allein reicht nicht.
Strategie Nr. 2
Dividendenstrategie: Die Illusion der Zuverlässigkeit
Die zweite Möglichkeit ist die Dividendenstrategie – also ausschließlich in ausschüttende Fonds oder Einzelaktien zu investieren und nur von diesen Ausschüttungen zu leben, ohne Anteile zu verkaufen.
Das klingt auf den ersten Blick elegant. Ist es aber nicht. Der entscheidende Denkfehler: Dividenden und Ausschüttungen können jederzeit geändert oder gestrichen werden. Nur weil ein Unternehmen seit Jahren zuverlässig ausschüttet, heißt das nicht, dass es das in den nächsten Jahrzehnten genauso tut. Wirtschaftskrisen, Strategiewechsel, schlechte Quartale – und die Dividende fällt weg.
Hinzu kommt das Steuer-Problem: Wenn du 4 Prozent Ausschüttung brauchst, sind das bei 800.000 Euro rund 32.000 Euro im Jahr. Aber das willst du nach Steuern haben. Also musst du deutlich mehr Ausschüttung generieren, um am Ende auf deine 32.000 Euro zu kommen.
Und noch ein praktisches Problem: Viele Ausschüttungen kommen nur einmal, zweimal oder viermal im Jahr. Ein gleichmäßiger monatlicher Geldfluss ist damit kaum verlässlich darstellbar – es sei denn, du baust dein Portfolio mit enormem Aufwand entsprechend auf.
Meine persönliche Meinung: Die Dividendenstrategie klingt simpel und attraktiv, hakt aber an zu vielen Stellen. Allein darauf zu vertrauen ist riskant.
Strategie Nr. 3
Variable Entnahme: Planbar, aber mit einem Haken
Die dritte Strategie ist die variable Entnahme – zum Beispiel jedes Jahr 4 Prozent vom aktuellen Gesamtkapital. Anders als bei der Dividendenstrategie bist du hier nicht auf Ausschüttungen angewiesen. Zu Beginn hast du 800.000 Euro, also 32.000 Euro Entnahme. Fällt dein Depot auf 600.000 Euro, hast du noch 24.000 Euro.
Das Problem: Diese 24.000 Euro haben in ein paar Jahren durch die Inflation nicht mehr dieselbe Kaufkraft wie heute. Und wer monatlich plant, muss die Jahreszahlung erst irgendwo parken und dann scheibchenweise entnehmen. Das erfordert Disziplin, Zahlenkompetenz – und idealerweise jemanden, der dich dabei begleitet.
Strategie Nr. 4
Die Bucket-Strategie: Mein persönlicher Favorit
Die vierte Strategie ist die, die ich am liebsten empfehle – die sogenannte Bucket-Strategie. Das Prinzip: Du teilst dein Portfolio in mehrere Töpfe auf.
Ein kurzfristiger Topf mit etwa 50.000 Euro in Cash deckt deinen laufenden Bedarf für die nächsten ein bis zwei Jahre. Ein mittelfristiger Topf mit rund 150.000 Euro in schwankungsarmen Papieren – Geldmarktfonds oder Anleihen – überbrückt die nächsten Jahre. Und der langfristige Topf mit 600.000 Euro bleibt im Aktienmarkt investiert und arbeitet weiter.
Der entscheidende Vorteil: In jeder Marktlage hast du Zugriff auf Geld. Wenn die Aktienmärkte crashen, entnimmst du aus dem Cash-Topf oder dem Anleihentopf – und lässt den Aktientopf in Ruhe erholen. Kein Panikverkauf, keine ausgedünnten Anteile zu Tiefstkursen.
Viele meiner Kunden schlafen mit dieser Strategie deutlich ruhiger. Sie wissen, dass sie Urlaub, Anschaffungen und den Lebensunterhalt finanzieren können – egal was an den Märkten gerade passiert. Und das Beste: Trotz laufender Entnahmen wächst das Portfolio langfristig weiter – historisch betrachtet mit drei bis fünf Prozent Rendite pro Jahr.
Wichtig dabei: Die Bucket-Strategie muss richtig geplant, getimed und konzipiert werden. Das ist nichts, was man mal eben selbst aufbaut. Ein Fehler in der Konzipierung kann dich am Ende viele tausend Euro kosten.
Strategie Nr. 5
Flexible Bandbreite: Komfort mit Spielraum
Die fünfte Möglichkeit ist die flexible Bandbreiten-Strategie. Du legst eine Untergrenze und eine Obergrenze für deine jährliche Entnahme fest – zum Beispiel mindestens 30.000 Euro und maximal 34.000 Euro. In guten Börsenjahren schöpfst du mehr aus, in schlechten hältst du dich zurück.
Das gibt dir Flexibilität und schont das Depot in schwachen Phasen. Für manche Anleger ist das ideal – für andere zu unberechenbar im Alltag. Es kommt auf deinen Typ an.
Fazit: Die richtige Strategie gibt es nicht – die richtige Kombination schon
Die entscheidende Frage ist nicht, ob du Dividenden magst oder nicht. Die entscheidende Frage ist:
Übersteht dein System einen Crash, während du Monat für Monat deine Miete bezahlen musst?
800.000 Euro klingen nach sehr viel Geld. Mit der falschen Dividendenstrategie oder einer unüberlegten 4-Prozent-Regel kann selbst dieses Kapital schneller aufgebraucht sein als geplant. Die meisten meiner Kunden fahren eine Kombination aus zwei dieser Strategien – und sind damit seit Jahren tiefenentspannt. Weil sie wissen, dass ihr System funktioniert – auch wenn die Märkte es nicht tun.
Wie du dein Portfolio auf die Entnahmephase vorbereitest und welche Strategie zu deinem Anlegertyp passt, zeigt dir dieser Beitrag: Langfristige Geldanlage: So überstehst du jede Krise erfolgreich
Nächster Schritt für deine Entnahmestrategie
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Bis zum nächsten Artikel. Bleibe klug, planbar und renditestark investiert,
dein Sven Stopka.
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